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Last Minute 2009
Wohin geht die Reise ?
Text und Bild von Andreas Thier
Noch nie stand ich derart ohne Bezug zu einer bevorstehenden Reise. I
m Vorfeld ist es wuselig und vieles ergibt sich kurzfristig.
Zur gründlichen Vorbereitung bleibt schlichtweg keine Zeit mehr.
Norwegen erscheint mir im September zu kalt und Schottland zu nass.
Also in die Sonne.
Da ich noch nie südlich der Pyrenäen unterwegs war,
entscheide ich mich einfach mal da hinzufahren und mich umzusehen.
Und „Last Minute“ passt doch auch irgendwie zu Spanien…
Leichte Zweifel bleiben bis zuletzt. Im Grunde bin ich bekennender Skandinavien Fan.
Die herben, weiten und dünnbesiedelten Landschaften des Nordens und die Menschen dieser rauen Regionen begeistern mich.
Kann die verlockende Sonne des Südens das kompensieren ?
Immerhin wird mir die mediterrane Sonne wenigstens den Sommer etwas verlängern.
Die iberische Halbinsel
Die iberische Halbinsel lässt sich als der Teil Europas beschreiben, der südwestlich der Pyrenäen liegt.
6/7 der Fläche wird von Spanien eingenommen.
Costa Brava I
Der Tag des Starts rückt rasch näher.
Eines Morgens sitze ich dann auf meiner Griso, schlage Kurs Süd ein und erwische den ersten herbstlich kühlen Tag nach dem Sommer.
Der erste Halt erfolgt bereits nach 1,5 Km.
Das Halstuch wird gegen die warme Halskrause getauscht.
Nach 150 km müssen die gefütterten Handschuhe und ein wärmeres Oberteil her.
Nach 1500 km umschmeicheln mich endlich milde, mediterrane Temperaturen.
Die Anreise erfolgt auf eigener Achse.
Das ist mir nicht lästig.
Im Gegenteil, ich nutze die Zeit zum Abstandgewinnen und nach den rund 1.750 km der letzten zwei Tage habe ich das Gefühl nicht nur „da“,
sondern „angekommen“ zu sein, bereit mich auf das einzulassen, was vor mir liegt.
Der Folgetag verspricht Gelassenheit.
Ich fahre an der Promenade entlang und genieße die Tatsache am Mittelmeer zu sein.
Sonne, Strand, Palmen und nette Bars (kleine Cafes) an der Promenade laden zum Müßiggang ein.
Zum Frühstückskaffee lasse ich die eher touristischen Bars hinter mir und lande in einer Bar beim Fischereihafen.
Als ich meine Bella neben die Motorroller der Fischer stelle,
macht mich der Parkplatzwächter (er sitzt mit seinen Kumpels an einem der Tische vor der Bar) darauf aufmerksam, dass dort eigentlich Parkverbot sei.
Aber als ich andeute nur einen Kaffee trinken zu wollen und dabei mein Moped mit dem Gepäck im Auge behalten möchte, stimmt er verständnisvoll zu.
Wenig später haben sie mich in ihrer Runde aufgenommen und ich muss von meinen Reiseabsichten berichten.
Ein schöner Auftakt.
Abgesehen davon, dass ich nach drei Wochen wieder arbeiten muss, gibt es für die gesamte Reise keinerlei detaillierte Planungen oder Vorgaben.
Gemütlich folge ich der Küste nach Süden.
Die Costa Brava ist alles andere als „brav“.
Sie ist vielmehr eine wilde Küste (was wohl auch der korrekten Übersetzung entspricht).
Der Küstenabschnitt von den Ausläufern der Pyrenäen bis zur Tordera Flussmündung bei Blanes macht seinem Namen alle Ehre.
Die Vielfältigkeit der Küste versetzt mich in Erstaunen und Verzücken.
Von zerklüfteten Felsmassiven mit kleinen Buchten bis zu flachen, sumpfigen Ebenen ist alles zu finden.
Neben den touristischen Bettenburgen gibt es auch wunderschöne Fischerdörfer und einsame Strandbuchten.
Bereits jetzt kann ich sagen, dass es in Spanien, selbst hier in den touristischen Vorranggebieten, sehr wohl ruhige und romantische Nischen gibt.
Und die Straßen sind ein Traum für Motorradfahrer.
Costa Blanca (nördlicher Teil)
Fahrerisch interessant finde ich es erst wieder südlich von Valencia.
Die felsige Halbinsel zum Cap de la Nau verwöhnt wieder mit Kurven und famosen Aussichten auf das Meer.
Südlich des Caps beginnt die weiße Küste, die ihren Namen wohl wegen der traditionell weiß gestrichenen Häuser hat.
Die Costa Blanca ist ein beliebtes Ziel für Urlauber aus Spanien und ganz Europa.
Die Tourismus-Industrie ist ein, wenn nicht ‚der’ wichtige Wirtschaftsmotor.
Hier lassen sich die Auswirkungen des Beton Baubooms in Reinkultur beobachten.
Andalusien
Stetig steigt die Straße in die Gebirgslandschaft der Sistemas Beticos.
Hochebenen sind eingerahmt von den Zweitausendern verschiedener Sierras im Norden und den noch höheren Gipfeln der Sierra Nevada im Süden.
Ich betrete ich einen Landschaftsraum, dessen bloßer Anblick mir die Zunge am Gaumen festkleben lässt.
Es herrscht eine unglaubliche Trockenheit. Unwillkürlich gehe ich im Kopf die an Bord befindlichen Wasservorräte durch.
Aber ich fühle mich überhaupt nicht unwohl.
Ganz im Gegenteil, befinde ich mich doch in einer diesen weiten Landschaften, die ich so liebe, nur eben heißer und trockener als ich es bisher gewöhnt bin.
Die Gebirgszüge am Horizont vollenden das Bild mit einer gewissen Nuance an Dramatik.
Der Naturraum scheint nahezu lebensfeindlich, ist aber (vielleicht auch gerade deswegen) nicht ohne Faszination.
Wasser ist hier der Schlüssel zum Leben.
Es ist erstaunlich genug, wie hier die strauchartige Vegetation Fuß fassen kann.
Eine intensivere Nutzung setzt künstliche Bewässerung voraus.
Das Städtchen Guadix erscheint mir als märchenhafte, grüne Oase.
Selbst jetzt im September beträgt die Temperatur über 34 Grad Celsius.
Die Existenz von kühlen Wohnhöhlen scheint eine logische Konsequenz zu sein.
Die Straßen sind mal gerade, mal leicht geschwungen, in jedem Fall von guter Qualität.
Das Fahren hat eine große Leichtigkeit, der Blick schwenkt durch die Weite der faszinierenden Landschaft.
Easy Rider Feeling…
Sierra Nevada
Auf zwei Rädern geht es anschließend in die Sierra Nevada, was soviel wie „Schneebedecktes Gebirge“ heißt.
Der höchste Berg der iberischen Halbinsel, der Mulhacien, ist 3482 Meter hoch.
Im Winter gibt es regulären Alpinsportbetrieb und sogar die Skiweltmeisterschaften wurden hier schon ausgetragen.
In Riesenslalom-Manier fahre ich dann auch hinauf.
Die weit geschwungenen Kurven lassen eine schon fast unanständige Geschwindigkeit zu.
Diese Tatsache als auch die hohen Lufttemperaturen des Sommers sowie die enge räumliche Distanz von Meereshöhe und
Gebirge ziehen alljährlich die Prototypentester der großen Automobil- und Motorradhersteller zu an.
Die atmosphärischen Bedingungen sind ideal zum Testen von Motoreinstellungen und Emissionswerten.
In 2.500 Metern Höhe findet der Spaß sein Ende.
Weiter ist die Straße für motorbetriebene Fahrzeuge nicht freigegeben.
Ich verspüre große Lust mit dem Rucksack weiterzuziehen, erinnere mich aber daran, dass ich drei Wochen und nicht drei Monate Zeit habe.
Alles geht eben nicht.
Allerdings nehme ich mir die Zeit, mich auf der Hoya de la Mora mit Rafael in ein längeres Gespräch einzulassen.
Rafael lebt den Sommer über in seinem Wohnmobil auf 2.500 Metern Höhe.
Er ist professioneller Fotograf und natürlich schwärmt er mir von den Lichtspielen zum Sonnenauf- und -untergang vor.
Aber die eigentlichen Objekte seiner Fotobegierde sind die Prototypen.
Er berichtet Spannendes aus seinem Arbeitsleben.
Später finden sich zwei Kia Ingenieure mit einem neuen Modell ein.
Das Fahrzeug ist fast bis zur Unkenntlichkeit mit Tape und Schaumstoffpolstern verunstaltet.
Profis wie Rafael benutzen aber längst Grafiksoftware, mit der sich gestützt auf die Fotos, Karosserielinien nachempfinden lassen.
Als ich wieder starte, tauschen sie noch rasch ein paar informelle Tipps aus.
Man kennt sich eben…
Artgerecht genieße ich den zweiten Durchgang zum Riesentorlauf, abwärts.
Ja ich habe mich etwas verliebt in diese Landschaft.
Anstatt zur Costa del Sol (mit einigen Bettenburgen und einigen mehr Plastikplanengewächshäusern) runter zu fahren,
bleibe ich im Landesinneren und stecke den Kurs nach Ronda ab.
Die Temperaturen steigen bis auf 38 Grad.
Den Gedanken, ob dies für meinen luftgekühlten Zweiventiler ein Problem sein könnte, verwerfe ich schnell wieder.
Schließlich stammt mein Moped aus dem heißen Italien.
Ronda
Ronda ist die größte Ortschaft unter den weißen Dörfern Andalusiens und liegt ebenfalls über 700 Meter hoch.
Die maurisch geprägte Altstadt befindet sich auf einem rundum steil abfallenden Felsplateau.
Die wechselvolle Geschichte reicht von den Kelten bis hin zum republikanischen Widerstandsnest.
Aus den Bergen der Umgebung leistete die Guerilla bis 1952 Widerstand gegen das Franco Regime.
Während einer Pause beobachte ich das bunte Treiben des Stadtfestes in Ronda.
Nun ist es nicht mehr weit bis Gibraltar.
Ich wähle eine Landstraßenverbindung und finde 97 Kilometer Kurven…
Ich weiß nicht wer wen mehr bewegt,
ich die Guzzi oder die Guzzi mein Gemüt ?
Es ist einfach berauschend.
Gibraltar
Mit zunehmender Annäherung verblasst der Glanz des vermeintlich großen Zieles der Reise und
übrig bleibt ein steil aus dem Meer herausragender Kalksteinfelsen,
westlich anschließend ein dicht bebautes, flaches Gebiet und Hafenanlagen mit dem Charme schmuddeliger Fährhäfen.
Der Abend am einsamen Strand westlich von Tarifa wird dann zu einem der stärksten Momente der Reise.
Im Mondschein glitzert die Wasseroberfläche in der ruhigen Meerenge und
ebenso fasziniert wie verzaubert schaue ich auf das gut erkennbare Küstengebirge des afrikanischen Kontinentes.
Es sind nur 14 Kilometer bis Afrika….(der Rest des Abends ist Erzähl-, nicht Schreibgeschichte…).
Afrika ist an diesem Abend viel stärker in mein Bewusstsein getreten.
War es bisher irgendwie ganz weit weg, ein anderer Kontinent eben, so habe ich verinnerlicht,
dass es nur ein paar Tagesetappen mit dem Moped und eine Fährpassage von siebeneinhalb Seemeilen weit entfernt ist.
Und das ist nicht wirklich weit…
Portugal
Die portugiesische Grenze ist das nächste Ziel, welches dann auch zügig erreichen ist.
In Villa Real, direkt am Grenzfluß Rio Guadiana, schlürfe ich einen Kaffee und studiere die nun frisch ausgepackte Portugalkarte.
Ich wäge die Zeit ab überlege was noch in den restlichen Tag hineinpasst.
Algarve
Die Algarve kennt lange Sandstrände und Lagunenlandschaften (im Osten)
ebenso wie zerklüftete 20-50 m hohe Steilküsten mit malerischen Formationen aus
gelben und rötlich braunen Kalk- und Sandsteinfelsen mit kleinen Buchten (im Westen).
Alleine für die Algarve würde ich mir drei Wochen Zeit wünschen.
Lagos und Umgebung
Beinahe hätte ich diese Zeit gebraucht, nur um aus Lagos wieder herauszufinden.
So kam es mir jedenfalls vor. Einmal in den engen, steilen und kopfsteinbepflasterten Einbahngassen gefangen, komme ich mir vor wie in einem antiken Labyrinth.
Ich komme garantiert dreimal an derselben Stelle vorbei ohne das Zauberwort oder den Weg zum Hafen runter zu finden.
Dafür dass die Altstadt so klein ist, gibt es verdammt viele Möglichkeiten den falschen Weg zu nehmen.
Das ist die einzige Situation der Reise, in der ich mich tatsächlich derart verfahre, dass ich an meinen navigatorischen Fähigkeiten zweifele.
Und das passiert mir ausgerechnet in der Stadt, von der aus Heinrich der Seefahrer seine Kapitäne zu den großen portugiesischen Entdeckungsfahrten aufbrechen ließ.
Lissabon
Die Fähre bringt mich über den Fluß nach Setubal, etwa 30 Kilometer südöstlich von Lissabon.
Auf dem Landweg von Süden anreisend ist es in der Tat eine sehr spannende Angelegenheit über die Brücke des 25. April (in der Tat Golden Gate en Miniatur) zu fahren.
Einerseits ist die Aussicht auf die Stadt aus siebzig Metern Höhe beeindruckend und andererseits ist es hochgradig spannend,
wenn aus sechzehn Kassenhäuschen-Fahrspuren (Mautpflicht) Fahrzeuge preschen,
um sich einen Platz auf einer der drei Brückenfahrspuren zu ergattern,
vor allem wenn am Sonntagnachmittag die genervten Städter von ihren Strandausflügen zurückkehren.
Cabo da Roca
Auf dem Weg zum westlichsten Punkt des europäischen Kontinents fühlt sich zunächst irgendetwas anders an ohne, dass es mir sofort bewusst wird.
Bäume, es sind Bäume und auch sonst viel Grünes.
Nach einigen tausend Kilometern durch trockene Landschaft, befinde ich mich nun an der niederschlagsreicheren und gebirgigen Westseite der iberischen Halbinsel.
Der Artenreichtum kommt mir üppig vor.
Manchmal stehen gut drei Meter hohe sumpfgrasartige Pflanzen längs der Straße.
Ich komme mir vor wie im tropischen Regenwald.
Eine schmale Straße führt mich zu dem westlichsten Punkt Europas.
Der Felsen ragt 140 Meter über das Meer.
Von hier aus sind es nach Kiel fast 20 Längengrade ostwärts.
(Und von Tarifa waren es etwa 15 Breitengrade nordwärts.)
Eine faszinierende Vorstellung.
Porto
Porto ist die zweitgrößte Stadt des Landes und liegt am Douro, der in den Atlantik mündet.
Das historische Zentrum am Douro ist seit 1996 auf der UNESCO-Liste für Weltkulturerbe.
Kelten, Griechen, Römer, Westgoten und Mauren alle waren sie da und
haben sich wohl die vor den Wogen des Atlantiks geschützte Lage der Flussmündung zu Nutze gemacht.
Bekanntheit erlangte die Stadt auch als Namensgeberin für den Portwein.
Im 18.Jahrhundert sollen über 15 % der Einwohner Engländer gewesen sein, die sich im Handel des Tropfens verstanden.
Heute ist Porto eine wichtige Industrie- und Handelsstadt sowie Verkehrszentrum.
Porto sieht sich seit langem als heimliche Hauptstadt des Landes (auch Namensgeberin des Landes).
In Porto sagt man, dass hier das Geld verdient wird, das in Lissabon mit vollen Händen ausgegeben wird.
Ich logiere südlich von Porto auf dem Campingplatz in Espinho.
Die etwa halbstündige Bahnfahrt ins Zentrum von Porto kostet 1,40 Euro.
Die Bahnfahrt ermöglicht interessante Einblicke in die Vororte von Porto.
Der von Mitteleuropäern als pittoresk bewunderte Verfall der Bausubstanz in Portos Zentrum (wie auch in anderen großen Städten)
ist für die Bewohner sicherlich nicht von zivilisatorischem Vorteil.
Bis vor nicht all zu langer Zeit sollen die Mieten quasi auf dem Stand von 1974 eingefroren gewesen sein,
was im wahrsten Sinne des Wortes zu einer gewissen Schieflage führte.
Aber ich muss sagen, dass entgegen der typischen Reiseführerfotos, dies eben nicht typisch für Portugal ist.
Das Durchschnittseinkommen ist zwar längst nicht so hoch wie in Spanien und
innerhalb des Landes scheint es einen großen Abstand zwischen Durchschnitts- und Besserverdienenden zu geben.
Aber wo ich auch herumgekommen bin, kann ich sagen,
dass außerhalb dieser speziellen Stadtproblematik sich jeder nach seinen finanziellen Möglichkeiten um seine Scholle mit Hingabe kümmert.
Von Verfall ist da keine Spur.
Phänomen
An dieser Stelle kommt mir ein ganz anderes Phänomen in den Sinn.
Das Phänomen Kittel und in abgeschwächter Form die Kittelschürze.
Der Kittel ist für mich ein Relikt aus der Kindheit. Tanten, Omas und Uromas haben den Kittel getragen
wenn sie gekocht, geputzt, im Garten gearbeitet, mit der Nachbarin geschwatzt oder beim Metzger gegenüber eingekauft haben.
Die Kittelschürze vermutlich am Sonntag beim Kochen oder Kaffee aufsetzen, so genau weiß ich das nicht mehr.
Dieses ja eigentlich überaus praktische Bekleidungsstück ist mir im Laufe der Jahre aus dem Bewusstsein verschwunden.
In Portugal werden somit Kindheitserinnerungen wach.
Die Kitteldichte ist so hoch wie in keinem anderen bisher von mir bereisten Land.
Es ließe sich mühelos eine Geographie des Kittels nach Stadt-Land-Gefälle oder nach sozioökonomischen Gesichtspunkten in unterschiedlichen Stadtvierteln aufbauen.
Auch die Erscheinung des Kittels selbst, ist eine Betrachtung wert.
Von fabrikgrau, über kolchosegrün bis zu psychodelischen siebziger Jahre Mustern ist allerhand vertreten.
Nicht zuletzt die Tragart sagt möglicherweise einiges über die Kittelgängerin aus.
Meine Verweildauer im Land ist allerdings zu kurz, um decodieren zu können,
was dahintersteckt den oberen oder den unteren Knopf oder beide offen zu lassen.
Oder den Kittel direkt oder über verschiedenen anderen Bekleidungen zu tragen.
Wenn man mit Muße durch ein Land reist hat man viel Zeit nachzudenken.
Während ich einige Tage später lässig mit einer Hand auf dem Tankrucksack durch die üppige, grüne Landschaft gleite,
kommt mir der Gedanke, ob der Wegfall des Kittels nicht vielleicht ein Zeichen für den Übergang in die postmoderne Gesellschaft ist.
Ganz im Sinne von Hegel ist das Selbstbewusstsein des Geistes und die Emanzipation des Individuums dem vermeintlichen Fortschritt der großen gesellschaftlichen Utopien,
wie dem Sozialismus (darin hat sich Portugal auch versucht), letztendlich überlegen.
Einige kleine kittelfreie Nischen gibt es bereits in Portugal. Scheinbar gehen sie einher mit zunehmender Individualisierung und wirtschaftlicher Prosperität.
In Westeuropa ist derzeit Retro Design in allen möglichen und unmöglichen Varianten völlig angesagt.
In meiner Phantasie male ich mir den Retro Kittel mit Che Guevara Konterfei (auch erhältlich in der Farbkombination braun-rosa) als Geschäftsmodell aus.
It’s time for revolution. - Vielleicht käme ich dann so doch noch auf meine drei Monate Reisezeit.
Die nächste derbe Bodenwelle holt mich in die Realität zurück. Okay ich sollte mich wohl doch wieder mehr auf die Straße konzentrieren.
Galizien
Am nächsten Morgen besteige ich mein Eisenpferd und setzte den Weg nach Norden fort. Hinter der Grenze betrete ich gedankliches Niemandsland.
Um ehrlich zu sein habe ich Überhaupt keine Vorstellung von Galizien.
Zunächst treffe ich auf mittelgebirgsartige Landschaften mit weitläufigen Wäldern. Besonders gefällt mir der nordwestlichste Zipfel.
Ich bin total überrascht. Es ist ein bisschen wie in Skandinavien, nur 20 Grad wärmer.
Es gibt sandige Strandabschnitte, aber auch steile Kliffküsten mit schlauch- und trichterförmigen fjordähnlichen Flussmündungen, den sogenannten Rias.
(Man kann nicht durch Galizien reisen, ohne sich so seine Gedanken über die Pilger zu machen. Davon mehr auf meiner Homepage.)
Costa Verde
Die grüne Küste am Golf von Biscaya im Norden Spaniens trägt ihren Namen zu Recht.
In dieser regenreichen Region ist die Landschaft deutlich grüner als in anderen Teilen Spaniens.
Das Cantabrische Gebirge verläuft direkt parallel zur Küste.
Die Autovia del Cantrabico ermöglicht flottes Vorankommen mit maximalem Fahr- und Landschaftsspaß.
Dagegen ist die A7 bei Kassel die reinste Flughafenlandebahn.
Santander strahlt die gepflegt geschäftige Atmosphäre einer modernen Hafen- und Dienstleistungsstadt aus, während in Bilbao neben dem Hafen die Industrie deutlich dominiert.
Obwohl sich Bilbao in einem relativ engen Tal befindet, leben hier einschließlich des Umlandes 900.000 Menschen.
Die Enge und die diesige, emissionsgeschwängerte Luft verursachen ein leicht klaustrophobisches Gefühl und
die zweifelsohne dennoch vorhandenen Reize Bilbaos müssen ohne meine Bewunderung auskommen.
Über Schnellstraßen auf Hochtrassen fahre ich fast in Griffweite an Balkonen im fünften Stock der zahlreichen Hochhäuser vorbei.
Ich bin froh anschließend über das Küstengebirge zu gelangen und wieder die Weite des Binnenlandes genießen zu können.
Durch das Weinanbaugebiet Navarra nähere ich mich dem Fuße der Pyrenäen.
Leider hängt in der Gebirgskette schlechtes Wetter mit reichlich Regen und Gewitter fest.
Das vereitelt es mir in größere Höhen vorzustoßen.
Andorra
Andorra ist ein unabhängiger Zwergenstaat in den östlichen Pyrenäen,
der 1278 gegründet wurde und heute hauptsächlich Bedeutung als Wintersport- und Steuerparadies hat.
So richtig vom Hocker reißen kann mich dort allerdings nichts.
Costa Brava II
Mit der Rückkehr nach Roses ist der Kreis um die iberische Halbinsel geschlossen.
Die Entscheidung vor der Rückreise in den kühlen Norden noch einen Tag das Mittelmeer zu genießen fällt nicht schwer.
Den Morgenkaffee nehme ich in der Bar am Fischereihafen ein.
Ich treffe genau die selben Leute auf den selben Plätzen und der Parkplatzwächter begrüßt mich bereits.
Wieder fühle ich mich angekommen.
Der Vormittag offeriert noch ein fantastisches Fahrvergnügen.
Es geht über einen kleinen kurvenreichen Pass und in einer Linkskurve gelingt es an dem Porsche Boxster vorbeizukommen.
Mein Grinsen könnte kaum breiter sein.
Cadaques empfängt mich mit einer wunderbar pittoresken Atmosphäre.
Salvador Dali hat hier einen Teil seiner Kindheit verbracht und ließ sich nach seiner Rückkehr aus New York in Cadaques nieder.
Nachmittags schlendere ich durch die Gassen und am Strand von Roses entlang und r
eflektiere genießerisch Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen der Reise.
Rückreise
Auf der Passhöhe an der Grenze zu Frankreich zwingen mich die Temperaturen bekleidungstechnisch wieder aufzurüsten.
Fast vierhundert Kilometer gelingt es mir noch im Trockenen zu fahren, dann kommt die ungeliebte Regenpelle wieder zum Einsatz.
Es regnet zwar nur über eine Distanz von rund zweihundert Kilometer, aber das Wetter bleibt zweifelhaft und die Regenkombi angezogen.
Verkehrswesen
Zur Eigensicherung versuchen die Zweiradfahrer die Wahrnehmung durch andere Verkehrsteilnehmer zu erhöhen.
Sie geben ihr bestes, dies durch auffällige, knallige Bekleidung (T-Shirts, Tops, Strandkleidchen) zu erreichen…
Motorisierte Zweiräder haben vor allem in Städten eine wichtige Funktion im täglichen Individualverkehr.
Die Fahrweise der Piloten, sagen wir mal, nutzt die Möglichkeiten der kompakten, einspurigen Fahrzeuge auf raumsparende Weise optimal aus.
Sie mag manchmal sportlich erscheinen, ist aber längst nicht so halsbrecherisch wie in Italien.
Gemeinsam mit ihren italienischen Kollegen haben sie allerdings das ausgefeilte Gefühl für das richtige Timing beim Ampelstart.
Was ist eine Pole Position wert, wenn man mit dem Start bis zur Grünphase wartet ?
Ein sauberer Start erfolgt etwa eine bis maximal eine halbe Sekunde vor dem Umspringen der Ampel auf grün.
In Santander passiert mich eine junge Dame mit ihrem Roller rechts in einem Abstand, dass mich die Note ihres Parfüms umweht.
Allerdings habe ich mich nicht lange genug im Land aufgehalten,
um sagen zu können, ob Jil Sander nun schneidiger fährt als Chanel No. 5.
Mit überaus beeindruckender Kreativität werden Motorroller auch für Schwer- und Gefahrgut-Transporte eingesetzt.
Insgesamt war ich über die Verkehrsverhältnisse sehr angenehm überrascht.
Die Straßenqualität ist in Portugal zwar deutlich schlechter als in Spanien, aber in Spanien oft besser als in Deutschland.
Die Besiedlungsdichte im Binnenland ist gering und dementsprechend ist auf den Straßen wenig los.
Im ländlichen Bereich sind die Autofahrer fast schon übervorsichtig zurückhaltend.
Drängeln, schneiden, Gegenverkehr schneiden kommt im Grunde nicht vor.
Das absolute Gegenteil ist in Lissabon und Porto anzutreffen.
Der Verkehr grenzt an Anarchie und erfordert ein gesundes Selbstbewusstsein um offensiv mitschwimmen zu können.
Und wenn man glaubt es geht nichts weil der Verkehr völlig zum Erliegen gekommen ist,
nähern sich futuristische Sirenen, die selbst Lt. Uhura von Raumschiff Enterprise neidisch gemacht hätten.
Jawohl „nähern“.
Schwere Jungs in noch schwereren Geländewagen der Guardia Civil schaffen es unglaublicher Weise sich einen Weg zu bahnen.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich auf den Straßen nie wirklich unwohl gefühlt habe.
Und wer behauptet der Verkehr auf der iberischen Halbinsel sei gefährlich, den lade ich gerne zu einer Italienrundfahrt ein…
„Reisen ist tödlich für Vorurteile“, Mark Twain
Da ich wohl noch nie landeskundlich so schlecht vorbereitet zu einer Tour gestartet bin, teile ich diese Ansicht uneingeschränkt.
Die Runde um die iberische Halbinsel hat meinen Horizont nach Süden deutlich erweitert und ich bin sehr froh um diese Erfahrung.
Neben der Vorstellung in ausgewählte Gegend zurückzukehren, drängt sich mir noch ein ganz anderer Gedanke auf.
Geografisch herausragende Ziele reizen mich außerordentlich.
Diese Reise hat mich zu dem südlichsten und zu dem westlichsten Punkt Europas geführt.
Den nördlichsten Punkt habe 1984 im Rahmen einer dreimonatigen Fahrradtour durch Skandinavien erreicht.
Wo liegt eigentlich der östlichste Punkt Europas….?
Den kompletten Reisebericht und weitere Fotos gibt es unter:
www.grisocomodo.de
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