Troll Tour 2008

 

Herbsttreffen des Norsk Moto Guzzi Klubb südlich von Trondheim

Text und Bild von Andreas Thier



Guzzi Treffen im Fjell

"Like gaerne som oss…"

Neugierig geworden durch einen Eintrag im Veranstaltungskalender
des „motalia“ Magazins für Freunde italienischer Motorräder,
stelle ich mir die Frage, wie die norwegischen Guzzi Fahrer wohl so sind.

Anfang September 2008
bin ich für eine Woche in Schweden und Norwegen unterwegs und
nehme an dem Herbsttreffen des
Norsk Moto Guzzi Klubb südlich von Trondheim teil.


Arve

So individuell die Maschinen und ihre Eigner auch sind
und so unterschiedlich die Motivationen zum Mopedfahren seien mögen,
der Guzzi Geist eint uns Teilnehmer,
unabhängig aus welchem Land wir kommen.
Mehr als nur ein Hobby, teilen wir eine gemeinsame Leidenschaft.
Und das ist ein richtig schönes Gefühl.
Als Neuling zum Treffen des Norsk Moto Guzzi Klubb zu kommen,
ist wirklich wie gute alte Bekannte wiederzutreffen.

Vielen Dank an Arve, Elin und
alle norwegischen Guzzi-Fahrer des Treffens.


Wie es durchs Fjell nach Hause geht…

Ich beschließe den Tag in Fagernes ausklingen zu lassen.
Bevor ich den Campingplatz ansteuere, will ich noch mein Eisenpferd füttern.
An der Tankstelle spricht mich ein älterer Herr in einer noch älteren, dreiviertel langen Motorradlederjacke auf die Guzzi an.
Er habe selber lange Zeit eine englische Matchless gehabt, aber seine Frau wollte irgendwann nicht mehr als Sozia mitfahren.
Daraufhin haben sie sich ein wunderschönes Austin Cabrio zugelegt, mit dem sie jetzt auch unterwegs waren.
Er sei zwar leicht anglophil (etwas untertrieben, Anmkg des Autors), Guzzis hätten ihn aber schon immer irgendwie fasziniert.
Schade, dass es heute kaum mehr Guzzis in Norwegen gäbe.
Na da kann ich ihn natürlich mit aktuellen Informationen versorgen.
Und ich sollte mich doch sehr täuschen, wenn ich da nicht diesen gewissen Glanz in seinen Augen wahrnehme,
als ich ihm berichte, dass ich just vom Herbsttreffen des Norsk Moto Guzzi Klubb komme.
Der Guzzi Geist hat mich wieder eingeholt und flugs sind wir im tiefsten Benzingespräch.
Ich gerate in meinen längsten norwegischen Tankstellenaufenthalt…

Das Zelt baue ich dann mit der einbrechenden Dämmerung auf. Aufgekratzt krieche ich in den Schlafsack,
lasse die gemeinsame Zeit mit den anderen Guzzisti und den heutigen Fahrtag Revue passieren.
Zufrieden schlafe ich irgendwann ein.

Becherhalter

Der neue Tag begrüßt mich mit prasselndem Regen.
Beim Einschlafen hört sich so etwas definitiv romantischer an, als beim Aufstehen.
Der Regen ist derart intensiv, dass ich mich veranlasst sehe,
noch im Zelt nicht nur die Lederkombi, sondern auch das Regenzeug anzulegen.
Mein Biwakzelt verlangt mir dazu eine fast zirkusreife Schlangenmenschnummer ab.
Ohne einer chiropraktischen Nachbehandlung zu bedürfen,
gelange ich in meine Klamotten und aus dem Zelt heraus.
Mit spitzen Fingern, immerhin habe ich vor kurzem noch die wohlige Wärme des Schlafsacks um mich herum gehabt,
raffe ich alles zusammen und lade auf.
Bei aufmunternden zehn Grad fahre ich zur Tankstelle und gönne mir einen Kaffee.
Neben der Straßenkarte studiere ich den Wetterbericht einer Tageszeitung und
entdecke nebenbei erstmals den Becherhalter meiner Griso. Guzzis sind eben doch perfekte Reisemaschinen.


Es ist früh am Morgen.
Die Tankstellenkunden sind auf dem Weg zur Arbeit und niemand verwickelt mich heute in ein Gespräch.
Mangels Alternativen starte ich nach dem zweiten Kaffee.

Laut Zeitung soll sich das Wetter heute nicht ändern.
Zum Trost besteht morgen Aussicht auf wechselhaftes Wetter.
Wenigstens kein Dauerregen.
Da ich mich eh mehr oder weniger direkt in den Regenwolken befinde,
verzichte ich auf landschaftlich herausragende Strecken oder schmale Gebirgsstraßen.
Ich will mich lediglich in eine möglichst günstige Ausgangsposition für den morgigen Tag fahren.
Die Fähre verlässt Kristiansand am Nachmittag und bis dahin will ich noch möglichst viel sehen,
ohne in Zeitdruck zu geraten.
Es regnet wirklich aus vollen Kübeln und die Straßen sind anfangs ausgesprochen schlecht.
Wie mancher Troll das Tageslicht, scheue ich den rechten Fahrbahnrand.
Frost, Ausspülungen und schwere LKW führen zu Fahrbahnaufbrüchen, die sich nicht mal mehr mit Bitumen flicken lassen.
Bei Rechtskurven bemühe ich mich, den Scheitelpunkt nicht zu nah an den Rand legen.

Wasserdicht!

Das ist der richtige Moment einen Blick auf meine Bekleidung zu werfen.
Die Daytona Gore Tex Stiefel sind bezüglich ihrer Dichtigkeit über jeden Zweifel erhaben.
Ebenfalls hervor zu heben sind die Halvarssons Lederhandschuhe mit der Dryway Plus Membrane.
Sie sind tatsächlich wasserdicht. Ich empfinde das als großen Vorteil.
Regenüberhandschuhe mag ich nämlich überhaupt nicht.
Was bleibt ist die Kombi. Meine persönliche Präferenz ist Leder.
Ich fühle mich auf dem Moped in Lederbekleidung eindeutig wohler.
Meine Kombi von Halvarssons besitzt ebenfalls eine Dryway Plus Membrane und
ist auch wasserdicht, wie ich einmal leidvoll erfahren durfte.
Leidvoll deswegen, weil sich nach 450 km Dauerregen das Leder irgendwann natürlich vollgesaugt hat und
der Trocknungsprozess langwierig war.
Also muss bei Dauerregen eben doch eine Regenpelle herhalten.
Als Ganzjahresalltagsfahrer schätze ich es jedoch sehr,
dass norddeutsches Schauerwetter mich nicht in eine extra Regenhaut zwingt.


Nach etwa zwei Stunden mit Fahrbahnaufbrüchen, wassergefüllten Spurrinnen und ständigem Visierwischen steuere ich Honefoss an.
Am Rande der Fußgängerzone pelle mich umständlich aus dem Regenzeug und versuche einen möglichst zivilisierten Eindruck zu machen,
als ich in das gegenüberliegende Café gehe.
Ich verwöhne mich mit einer heißen Schokolade.
Als ein junges Päarchen das Café betritt, klappt mir unbewusst der Unterkiefer herunter.
Die beiden scheinen direkt einem Lifestyle Modemagazin entschlüpft zu sein.
Der Typ trägt eine Sonnenbrille, cool ins Haar gesteckt. Ich überlege, ob ich vielleicht den Wetterbericht falsch interpretiert habe.
Ein Blick auf die Pfütze am Boden unter meinem Regenzeug gibt mir meine Selbstsicherheit zurück.
Es muss wohl eher an der relativen Nähe zu Oslos Stadtkultur liegen.
Bevor ich mich zu sehr wieder der Zivilisation nähere, beschließe ich in Richtung Telemark aufzubrechen.

Mit einem Prozedere, das sich mühelos mit dem Ankleiden eines NASA Astronauten messen ließe, mache ich mich startklar.
Nicht minder ausgeklügelt ist mittlerweile mein System.
Zunächst wird die zweiteilige (Discount) Regengarnitur entklettet. Die Klettverschlüsse scheinen geradezu hungrig nach dem Netzinnenfutter zu sein.
Einstiegsgerecht vorbereitet, steige ich zuerst in die Hose.
Immerhin sind die Reißverschlüsse der Hosenbeine so hoch angesetzt, dass der Einstieg möglich ist, ohne die Stiefel ausziehen zu müssen
(und einbeinig auf Socken im Nassen rumzuhüpfen ).
Nach mindestens zweifachem Klemmen der nassen Finger in den Reißverschlüssen sind die Hosenbeine hermetisch versiegelt.
Das Hochziehen der Hose bis über den unteren Saum der Lederjacke (sonst passt alles nicht zusammen) ist dagegen eine vergleichsweise einfache Übung.
Nachdem die Lederjacke ganz geschlossen und der Kragen hochgeschlagen ist, schlüpfe ich in die Regenjacke.
Sofern die Anti Flatter Kompressionsriemen an den Armen der Regenjacke vorher geöffnet wurden gelingt auch das.
Mit einer raffinierten Torsionsdrehung gelangen die Hände an den Reißverschluss, der Regenjacke und –Hose fahrtwindtauglich miteinander koppelt.
Das Schließen des Frontreißverschlusses und Zurechtlegen des Regenjackenkragens geht leicht von der Hand.
Genau jetzt gilt es den Helm aufzusetzen.
Solange die Hände noch von den Handschuhen befreit sind, besteht die Chance den Riemen zu schließen und die Halskrause so unter den Helm zu stopfen,
dass der Hals warm bleibt.
So kurz vor dem Start kommt die Prozedur zu ihrem zweifelsfreien Höhepunkt.
Das Anlegen der Handschuhe. Meine Handschuhe sind so auf die Lederkombi abgestimmt, dass die Stulpen innerhalb der Ärmel getragen werden.
Dazu ist nun das Kunststück notwendig, die scheinbar für zarte chinesische Ärmchen dimensionierten Regenjackenärmelbündchen soweit hochzuschieben,
dass ich einen Handschuh anziehen, die Reißverschlüsse der Lederjackenärmel schließen und die Regenjackenbündchen darüber ziehen kann.
Die Prozedur steigert sich in ihrer Komplexität erheblich, wenn es um den zweiten Ärmel geht,
da nun beide Hände in den Handschuhen stecken, wodurch die Feinmotorik etwas leidet. Geschafft, endlich geschafft!
Lohn der Anstrengung ist immerhin eine wasserfeste Abdichtung.
Das Visier beginnt bereits zu beschlagen, obwohl es weit geöffnet ist.
Nun nichts wie los.

Ich will den Zündschlüssel drehen…und stelle fest, da ist KEIN Schlüssel im Zündschloss.
Aus Gewohnheit stecke ich den Zündschlüssel immer in die rechte Jackentasche.
In die Lederjackentasche!
Mir gehen etwa die Gedanken durch den Kopf,
die bei Hägar dem Schrecklichen mit Streitäxten und Totenköpfen in den Gedankenblasen dargestellt werden.

Telemarksvegen

Einige Zeit später starte ich dann wirklich.
Nein, nein. Lederbekleidung zum Motoradfahren finde ich wirklich toll.
Aber auf der Weiterfahrt verspüre ich die starke Vorstellung,
dass wer derartige Regenkombis entwirft, produziert und / oder in Umlauf bringt
mit der Höchststrafe von nicht unter vier Wochen Schottland im Dauerregen bestraft werden sollte.
In Gedanken entwerfe ich mir meinen Traumregenkombi* und die Stimmung wird bald besser.
Und es klart allmählich auf.
(*Vielleicht tut es ja auch die Jofama Regenhaut… )


Und wie sind sie nun, die norwegischen Guzzi-Fahrer ?

Like gaerne som oss… – Genauso verrückt wie wir…



Blues

Sollte nun jemand bei dem derzeitigen zähen Winter den Moped Reise Blues bekommen,
kann er sich gerne zu Therapiezwecken den vollständigen Reisebericht mit zahlreichen Fotos herunterladen.
Vielleicht hilft dies etwas über die Winterdepression hinweg. Nebenwirkungen sind jedoch nicht ausgeschlossen….

www.mediafire.com/file/nmazoin0ngd

Anbei noch ein paar Impressionen…




VIELEN DANK ANDREAS
für Deine schöne Geschichte, an der Du uns teilhaben lässt!

Dafür wünschen wir Dir
und all den anderen Motorradfahrern
weiterhin tolle Erlebnisse, nette Bekanntschaften und allzeit gute Fahrt !!!

Natürlich freuen wir uns auf Deinen baldigen Besuch
und bis dahin -

immer schön heile bleiben ;-)))


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